Geronymakis: Kampf um Kreta: Unterschied zwischen den Versionen

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(Der Heimatforscher Kanakis I. Geronymakis)
 
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'''Kanakis Geronymakis''' lebt in Vouvas ([[Sfakia]]). Er ist Autor zahlreicher Bücher zur Volkskunde und Geschichte der Sfakia. In ganz Kreta bekannt sind seine Skizzen, mit denen er das Alltagsleben und Arbeit anschaulich macht. Er hat uns einen Text für eine geplante Veröffentlichung über die deutsche Besatzungszeit zur Verfügung gestellt.
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'''Kanakis I. Geronymakis (Geronimakis)'''   wurde 1926 in Vouvas ([[Sfakia]]) geboren. Er lebt auch heute dort.
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<br> Geronymakis ist Autor zahlreicher Bücher zur Volkskunde und Geschichte der Sfakia. In ganz Kreta bekannt sind seine Skizzen, mit denen er das Alltagsleben und Arbeit anschaulich macht. Er hat uns einen Text für eine geplante Veröffentlichung über die deutsche Besatzungszeit zur Verfügung gestellt.
  
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== Kanakis Geronymakis: ''Der Kampf um Kreta'' ==
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Wir waren Kinder, als die Schlacht um Kreta tobte. Ich war Mandratsis in einem Mitato bei Bóthones, zirka 600 m östlich der Imvros-Schlucht (Ein Mandratsis ist der Junge, der sich im Mitato um Holz und Wasser kümmert, die Geräte reinigt und dem Käsemacher bei der Milchaufbereitung hilft).
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[[Bild:German paratroopers jumping From Ju 52s over Crete.jpg|thumb|right|250px]]
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'''Am 20. Mai vormittags''' überflogen uns 12 Flugzeuge von Chania aus kommend in Richtung Libysches Meer, es waren die, die die ersten Fallschirmspringer abwarfen. Nach zwei, drei Tagen begannen die Engländer Richtung Sfakia zurückzuweichen und es wurde offensichtlich, dass die sfakiotischen Dörfer, die über befahrbare Wege zu erreichen waren, schon bald zum Kriegsschauplatz werden würden. Einige Familien aus Imbros kamen und blieben in unserem Mitato. Als die Deutschern nach Askyfou einmarschierten, kamen ungefähr 100 und bezogen Stellung bei Frama, so um die 600 Meter östlich von uns. Etwas westlicher, bei Tsounos in einem Zypressengestrüpp bezogen zwei Beobachtungsposten mit Funkgerät und Fernstecher Stellung, wo ihnen direkt gegenüber auf der westlichen Seite der Schlucht die Engländer lagen. Die Deutschen beobachteten jede ihrer Bewegungen und gaben sie weiter.
  
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Das erste Mal, dass ich Deutsche von nahem sah, war, als zwei von ihnen ins Mitato kamen: mit den Fingern am Abzug ihrer Lugers nahmen sie von unserem Käse. Als wir ihnen sagten, dass wir kein Geld dafür wollten, steckten sie einem Kind zwei blaue Zwanziger in den Kragen. Sie betrugen sich uns gegenüber sehr achtungsvoll, gewiss weil sie einen guten Eindruck machen wollten.
  
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Die Stukas und Junkers warfen ihre Bomben ab, als sie genau über unseren Köpfen waren. Die Bomben flogen weiter in der Richtung, die die Flugzeuge im Moment des Abwurfes hatten und schlugen 1500 Meter weiter in der westlichen Seite der Schlucht ein, dort wo die Engländer waren. Ich sah sie auf ihrem Weg am Himmel, hörte ihr Pfeifen, wenn sie die Luft durchschnitten und sah sie aufschlagen und explodieren. Einmal kamen drei Flugzeuge und warfen ihre Bomben, die eine traf im senkrechten Sturz mit hoher Präzision drei Autos, die gegenüber der Zisterne von Mitro abgestellt waren. Die Autos waren mit Munition beladen, fingen Feuer und brannten. Das war am Nachmittag, noch bis Mitternacht hörte ich Explosionen und sah deren Blitze. Nach dem Kampf ging ich hinaus und fand ein Grab am Straßengraben. Es erschien mir recht groß, so dass es zwei bis drei Tote beherbergen mochte. Ein anderes Mal kamen vier Flugzeuge, aber eines flog nicht zu seiner Basis zurück. Es stürzte an der westlichen Seite der Schlucht ab. Wir erfuhren, dass es vom Maschinengewehr eines Neuseeländischen Soldaten getroffen worden war. Die zwei Piloten verbrannten, weil es Feuer fing, ihre Leichen sah ich als der Kampf vorbei war.
  
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Ungefähr dort, wo man, wenn man von unten kommt, bemerkt, dass die Imbros-Schlucht beginnt, sah ich etwas wie Nebel und hörte Explosionen. Nach dem Kampf ging ich dort hin und sah rechts von der Straße zwei Granatwerfer (?) 25er Kaliber mit kaputtem Verschluss. So um die 200 Meter weiter oben war vorher ein dichter Zypressenhain gewesen, bei dem viele Geschosse eingeschlagen waren. Anscheinend hatten die Deutschen dort von ihrem Beobachtungspunkt aus irgendeine Bewegung bemerkt und den Standort über Funk an ihre Artillerie weitergegeben. Ich ging dort hin und machte einen makaberen Fund: Ein menschliches Bein, von knapp unter dem Knie bis zum Knöchel und eine zerfetzte Armee-Decke, die an drei Stellen blutgetränkt war. Der Zypressenhain war nun kein solcher mehr, weil die Granaten ihn niedergerissen hatten.
  
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Einmal kam ein kleines Auto gefahren, ein Dreivierteltonner, vielleicht das letzte was hinunterfuhr (ich erinnere mich nicht genau) und die Deutschen begannen, es unter Feuer zu nehmen. Wenn man ähnliche Szenen aus dem Kino kennt, kann man ahnen, welche furchtbare Angst es in meiner Kinderseele auslöste, dieses Geschehen in Wirklichkeit erleben zu müssen, aber auch die Erleichterung, als ich sah, dass der Wagen es schaffte, der Gefahr zu entrinnen, obwohl sie so viele Granaten auf ihn gefeuert hatten.
  
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Am '''1.6.1941''' kehrten viele Engländer als Gefangene zu Fuß aus der Imbros-Schlucht zurück. Es mögen um die 6.000 Soldaten gewesen sein. Die Soldaten trugen Lederstiefel mit eisernen Beschlägen. Bis zu den Serpentinen war die Straße asphaltiert und so konnte man laut den Lärm ihrer Schritte bis zum Mitato hören, es war wie ein fortlaufendes Summen.
  
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Die Sfakia war der letzte Boden des griechischen Staatsgebietes, nach dem die Deutschen ihre Hände ausstreckten. Hierhin mussten die Engländer mit ihren Fahrzeugen kommen, viele Autos füllten die Straßen, beladen mit Vorräten. Viele andere aber ließen sie mit laufender Maschine und eingelegtem Gang von den Klippen rollen. Hier in der Sfakia ließen sie ihre Bewaffnung und Ausrüstung, auch ihr Geld warfen sie fort, weil sie wussten, dass die Deutschen es ihnen abnehmen würden. Zwei Dorfbewohner fanden damals an die 50.000! Das, was sie finden konnten, sammelten die Deutschen ein, sie versklavten die Einwohner, Waffen und Munition wurden vernichtet, aber auch wir konnten einiges ergattern, was wir für den Widerstand brauchen konnten. Wir sammelten aber auch andere Dinge, vor allem Kleidung, das half uns sehr in dieser schwierigen Zeit. Alles Kaki-farbene, das färbten wir braun mit dem Farbstoff aus Walnussschalen, weil kakifarbene Kleidung verboten war.
  
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Die Frauen der Sfakia kämpften dieses Mal nicht mit Waffen. Als die Kämpfe unsere Eparchie erreichten, war schon alles verloren und es wäre ein zweckloser Aufwand gewesen. Für die Hausfrauen war es Kampf genug, einen Teller Essbares für ihre Kinder zu beschaffen. Ich will noch ein Ereignis vom 30. Mai erwähnen, dort in der Schlucht von Kápni, wo meine Familie in einer Höhle wohnte und als uns das Futter und das Brot ausgegangen waren. Wir hatten zwei Hausziegen angeleint und meine Mutter hoffte darauf, dass sie genug Milch geben würden, dass jeder von uns - wenn auch ohne Brot - eine Tasse zu trinken hätte.
  
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Sie molk die Ziegen und konnte jedem einen Becher geben. Den vorletzen Becher bekam meine kleine Schwester und den letzten gedachte sie selber zu nehmen. Doch dem Mädchen fiel der Becher aus der Hand und die Milch ergoss sich über den Boden. Also gab sie dem Kind den letzten Becher und für sie selber blieb kein Schluck übrig.
  
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'''Kanakis Geronymakis: Der Kampf um Kreta'''
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'''1943''' war ich wieder Mandratzis auf der "Xionistra", einem Mitato ganz in der Nähe der ''Festung Akouné'', wo die Deutschen die größte Funkstation des Mittelmeerraumes installiert hatten. Am '''27.7.1943''' schickte man mich, um die Schafe zum Mitato zurückzubringen, damit jeder Gesellschafter seine Tiere abholen konnte, die Saison war zu Ende. Plötzlich erschien am Himmel über Apokoronas ein tieffliegendes Flugzeug, das sich der Festung näherte. Ich nahm an, dass es ein deutsches war, aber als es genau über mir war, begann es, mit Maschinengewehren auf die Deutschen zu schießen. Es war ''Manolis Kelaidis'', der spätere Befehlhaber unserer Luftwaffe. Wir erfuhren später, dass er einen Deutschen erschossen und zwei weitere verletzt hatte, gerade als diese sich rasierten.
  
Wir waren Kinder als die Schlacht um Kreta tobte. Ich war Mandratsis in einem Mitato bei Bóthones, zirka 600 m östlich der Imvros-Schlucht (Ein Mandratsis ist der Junge, welcher sich im Mitato um Holz und Wasser kümmert, die Geräte reinigt und dem Käsemacher bei der Milchaufbereitung hilft).
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=== Originaltext ===
[[Bild:German paratroopers jumping From Ju 52s over Crete.jpg|thumb|right|250px]]
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Am 20. Mai vormittags überflogen uns 12 Flugzeuge von Chania aus kommend in Richtung Libysches Meer, es waren die, die die ersten Fallschirmspringer abwarfen. Nach zwei, drei Tagen begannen die Engländer Richtung Sfakia zurückzuweichen und es wurde offensichtlich, dass die sfakiotischen Dörfer die über befahrbare Wege zu erreichen waren, schon bald zum Kriegsschauplatz werden würden. Einige Familien aus Imbros kamen und blieben in unserem Mitato.  
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Bild:Geronymakis 1.JPG
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== Der Heimatforscher Kanakis I. Geronymakis ==
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Kanakis I. Geronymakis wurde 1926 in Vouvás Sfakíon geboren .
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Seit vielen Jahren führt er Aufzeichnungen über das frühere Leben der ländlichen Kreter. In zahlreichen Schriften und Büchern beschreibt er detailliert die Tätigkeiten des täglichen Lebens, die Bräuche, Feste etc. <br>
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Zur Veranschaulichung fertigte er viele Zeichnungen und auch größere Bilder im Stil naiver Malerei.
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Einige typische Gemälde sind hier vorgestellt:
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Bild:Geron_Hochzeit.JPG|Hochzeit in der Sfakia
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Bild:Geron_ZumFeld.JPG|Zur Feldarbeit
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Bild:Geron_Weinlese.JPG|Weinlese
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Bild:Geron_Umzug.JPG|Jährlicher Umzug
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Bild:Geron_SylvSinger.JPG|Weihnachts-Singer
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== Publikationen von Geronymakis ==
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* Νέος μαντιναδολόγος  (Neos mantinadologos), 1969
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* Σφακιανή λαογραφία  (Sfakiani laografia), Athina 1992
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* Τα νάκλια τησ Κρήτης  (Ta naklia tis Kritis), Athina 1993, Chania 2001
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* Περιπλοκάδια  (Periplokadia), 1995
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* Κοινότητα Ασφένδου  (Koinotita), 1996
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* Παραβολικά ποιήματα  (Parabolika poiimata), 1997
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* Η Κρήτη στο πρόσφατο παρελθόν  (I Kriti sto prosfato parelthon), Athina 1998
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* Λαογραφικό Σφακιανό λεξιλόγιο  (Laografiko Sfakiano lexilogio), Chania 1999     
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* Κρητική λαϊκή ποίηση  (Kritiki laiki poiisi), 2002
 +
* Κρητικά παραμύθια  (Kritika paramithia),  Athina 2003
 +
* Ταξίδι στην παράδοση  (Taxidi stin Paradosi), Chania 2006,  ISBN 960-86576-9-5
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* Λαϊκή ιατρική στην Κρήτη  (Laiki iatriki stin Kriti), 2006
 +
* Η πανίδα της Κρήτης  (I panida tis Kritis), 2007
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* Κρητική λαογραφία  (Kritiki laografia),  Mystis Editions, Irakleio 2008
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* Ο Πτέραρχος Κελαϊδής  (O pterarchos Kelaidis), 2008
  
Als die Deutschern nach Askyfou einmarschierten, kamen ungefähr 100 und (καταβληστήκανε?) bezogen Stellung bei Frama, so um die 600 Meter östlich von uns. Etwas westlicher, bei Tsounos in einem Zypressengestrüpp bezogen gewöhnlich zwei Beobachtungsposten mit Funkgerät und Fernstecher Stellung, wo ihnen direkt gegenüber auf der westlichen Seite der Schlucht die Engländer lagen. Die Deutschen beobachteten jede ihrer Bewegungen und gaben sie weiter.
 
  
Das erste Mal, dass ich Deutsche von nahem sah, war, als zwei von ihnen ins Mitato kamen: mit den Fingern am Abzug ihrer Lugers nahmen sie von unserem Käse. Als wir ihnen sagten, dass wir kein Geld dafür wollten, steckten sie einem Kind zwei blaue Zwanziger in den Kragen. Sie betrugen sich uns gegenüber sehr achtungsvoll, gewiss weil sie einen guten Eindruck machen wollten.
 
  
Die Stukas und Junkers warfen ihre Bomben ab als sie genau über unseren Köpfen waren. Die Bomben flogen weiter in der Richtung, die die Flugzeuge im Moment des Abwurfes hatten und schlugen 1500 Meter weiter in der westlichen Seite der Schlucht ein, dort wo die Engländer waren. Ich sah sie auf ihrem Weg am Himmel, hörte ihr Pfeifen, wenn sie die Luft durchschnitten und sah sie aufschlagen und explodieren. Einmal kamen drei Flugzeuge und warfen ihre Bomben, die eine traf im senkrechten Sturz mit hoher Präzision drei Autos, die gegenüber der Zisterne von Mitro abgestellt waren. Die Autos waren mit Munition beladen, fingen Feuer und brannten. Das war am Nachmittag, noch bis Mitternacht hörte ich Explosionen und sah deren Blitze.  
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== Weblinks ==
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[http://www.wkistler.de/more4/gall_g1.html Kanakis Geronymakis]
  
Nach dem Kampf ging ich hinaus und fand ein Grab am Straßengraben. Es erschien mir recht groß, so dass es zwei bis drei Tote beherbergen mochte.
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Ein anderes Mal kamen vier Flugzeuge, aber eines flog nicht zu seiner Basis zurück. Es stürzte an der westlichen Seite der Schlucht ab. Wir erfuhren, dass es vom Maschinengewehr eines Neuseeländischen Soldaten getroffen worden war. Die zwei Piloten verbrannten, weil es Feuer fing, ich sah sie ....
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[[Kategorie:1941]]
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[[Kategorie:Personen auf griechischer Seite]]

Aktuelle Version vom 2. Januar 2010, 23:06 Uhr

Kanakis Geronymakis in Vouvas

Kanakis I. Geronymakis (Geronimakis)   wurde 1926 in Vouvas (Sfakia) geboren. Er lebt auch heute dort.
Geronymakis ist Autor zahlreicher Bücher zur Volkskunde und Geschichte der Sfakia. In ganz Kreta bekannt sind seine Skizzen, mit denen er das Alltagsleben und Arbeit anschaulich macht. Er hat uns einen Text für eine geplante Veröffentlichung über die deutsche Besatzungszeit zur Verfügung gestellt.

Kanakis Geronymakis: Der Kampf um Kreta

Seite 1

Wir waren Kinder, als die Schlacht um Kreta tobte. Ich war Mandratsis in einem Mitato bei Bóthones, zirka 600 m östlich der Imvros-Schlucht (Ein Mandratsis ist der Junge, der sich im Mitato um Holz und Wasser kümmert, die Geräte reinigt und dem Käsemacher bei der Milchaufbereitung hilft).

German paratroopers jumping From Ju 52s over Crete.jpg

Am 20. Mai vormittags überflogen uns 12 Flugzeuge von Chania aus kommend in Richtung Libysches Meer, es waren die, die die ersten Fallschirmspringer abwarfen. Nach zwei, drei Tagen begannen die Engländer Richtung Sfakia zurückzuweichen und es wurde offensichtlich, dass die sfakiotischen Dörfer, die über befahrbare Wege zu erreichen waren, schon bald zum Kriegsschauplatz werden würden. Einige Familien aus Imbros kamen und blieben in unserem Mitato. Als die Deutschern nach Askyfou einmarschierten, kamen ungefähr 100 und bezogen Stellung bei Frama, so um die 600 Meter östlich von uns. Etwas westlicher, bei Tsounos in einem Zypressengestrüpp bezogen zwei Beobachtungsposten mit Funkgerät und Fernstecher Stellung, wo ihnen direkt gegenüber auf der westlichen Seite der Schlucht die Engländer lagen. Die Deutschen beobachteten jede ihrer Bewegungen und gaben sie weiter.

Das erste Mal, dass ich Deutsche von nahem sah, war, als zwei von ihnen ins Mitato kamen: mit den Fingern am Abzug ihrer Lugers nahmen sie von unserem Käse. Als wir ihnen sagten, dass wir kein Geld dafür wollten, steckten sie einem Kind zwei blaue Zwanziger in den Kragen. Sie betrugen sich uns gegenüber sehr achtungsvoll, gewiss weil sie einen guten Eindruck machen wollten.

Die Stukas und Junkers warfen ihre Bomben ab, als sie genau über unseren Köpfen waren. Die Bomben flogen weiter in der Richtung, die die Flugzeuge im Moment des Abwurfes hatten und schlugen 1500 Meter weiter in der westlichen Seite der Schlucht ein, dort wo die Engländer waren. Ich sah sie auf ihrem Weg am Himmel, hörte ihr Pfeifen, wenn sie die Luft durchschnitten und sah sie aufschlagen und explodieren. Einmal kamen drei Flugzeuge und warfen ihre Bomben, die eine traf im senkrechten Sturz mit hoher Präzision drei Autos, die gegenüber der Zisterne von Mitro abgestellt waren. Die Autos waren mit Munition beladen, fingen Feuer und brannten. Das war am Nachmittag, noch bis Mitternacht hörte ich Explosionen und sah deren Blitze. Nach dem Kampf ging ich hinaus und fand ein Grab am Straßengraben. Es erschien mir recht groß, so dass es zwei bis drei Tote beherbergen mochte. Ein anderes Mal kamen vier Flugzeuge, aber eines flog nicht zu seiner Basis zurück. Es stürzte an der westlichen Seite der Schlucht ab. Wir erfuhren, dass es vom Maschinengewehr eines Neuseeländischen Soldaten getroffen worden war. Die zwei Piloten verbrannten, weil es Feuer fing, ihre Leichen sah ich als der Kampf vorbei war.

Seite 2

Ungefähr dort, wo man, wenn man von unten kommt, bemerkt, dass die Imbros-Schlucht beginnt, sah ich etwas wie Nebel und hörte Explosionen. Nach dem Kampf ging ich dort hin und sah rechts von der Straße zwei Granatwerfer (?) 25er Kaliber mit kaputtem Verschluss. So um die 200 Meter weiter oben war vorher ein dichter Zypressenhain gewesen, bei dem viele Geschosse eingeschlagen waren. Anscheinend hatten die Deutschen dort von ihrem Beobachtungspunkt aus irgendeine Bewegung bemerkt und den Standort über Funk an ihre Artillerie weitergegeben. Ich ging dort hin und machte einen makaberen Fund: Ein menschliches Bein, von knapp unter dem Knie bis zum Knöchel und eine zerfetzte Armee-Decke, die an drei Stellen blutgetränkt war. Der Zypressenhain war nun kein solcher mehr, weil die Granaten ihn niedergerissen hatten.

Einmal kam ein kleines Auto gefahren, ein Dreivierteltonner, vielleicht das letzte was hinunterfuhr (ich erinnere mich nicht genau) und die Deutschen begannen, es unter Feuer zu nehmen. Wenn man ähnliche Szenen aus dem Kino kennt, kann man ahnen, welche furchtbare Angst es in meiner Kinderseele auslöste, dieses Geschehen in Wirklichkeit erleben zu müssen, aber auch die Erleichterung, als ich sah, dass der Wagen es schaffte, der Gefahr zu entrinnen, obwohl sie so viele Granaten auf ihn gefeuert hatten.

Am 1.6.1941 kehrten viele Engländer als Gefangene zu Fuß aus der Imbros-Schlucht zurück. Es mögen um die 6.000 Soldaten gewesen sein. Die Soldaten trugen Lederstiefel mit eisernen Beschlägen. Bis zu den Serpentinen war die Straße asphaltiert und so konnte man laut den Lärm ihrer Schritte bis zum Mitato hören, es war wie ein fortlaufendes Summen.

Die Sfakia war der letzte Boden des griechischen Staatsgebietes, nach dem die Deutschen ihre Hände ausstreckten. Hierhin mussten die Engländer mit ihren Fahrzeugen kommen, viele Autos füllten die Straßen, beladen mit Vorräten. Viele andere aber ließen sie mit laufender Maschine und eingelegtem Gang von den Klippen rollen. Hier in der Sfakia ließen sie ihre Bewaffnung und Ausrüstung, auch ihr Geld warfen sie fort, weil sie wussten, dass die Deutschen es ihnen abnehmen würden. Zwei Dorfbewohner fanden damals an die 50.000! Das, was sie finden konnten, sammelten die Deutschen ein, sie versklavten die Einwohner, Waffen und Munition wurden vernichtet, aber auch wir konnten einiges ergattern, was wir für den Widerstand brauchen konnten. Wir sammelten aber auch andere Dinge, vor allem Kleidung, das half uns sehr in dieser schwierigen Zeit. Alles Kaki-farbene, das färbten wir braun mit dem Farbstoff aus Walnussschalen, weil kakifarbene Kleidung verboten war.

Die Frauen der Sfakia kämpften dieses Mal nicht mit Waffen. Als die Kämpfe unsere Eparchie erreichten, war schon alles verloren und es wäre ein zweckloser Aufwand gewesen. Für die Hausfrauen war es Kampf genug, einen Teller Essbares für ihre Kinder zu beschaffen. Ich will noch ein Ereignis vom 30. Mai erwähnen, dort in der Schlucht von Kápni, wo meine Familie in einer Höhle wohnte und als uns das Futter und das Brot ausgegangen waren. Wir hatten zwei Hausziegen angeleint und meine Mutter hoffte darauf, dass sie genug Milch geben würden, dass jeder von uns - wenn auch ohne Brot - eine Tasse zu trinken hätte.

Seite 3

Sie molk die Ziegen und konnte jedem einen Becher geben. Den vorletzen Becher bekam meine kleine Schwester und den letzten gedachte sie selber zu nehmen. Doch dem Mädchen fiel der Becher aus der Hand und die Milch ergoss sich über den Boden. Also gab sie dem Kind den letzten Becher und für sie selber blieb kein Schluck übrig.

...

1943 war ich wieder Mandratzis auf der "Xionistra", einem Mitato ganz in der Nähe der Festung Akouné, wo die Deutschen die größte Funkstation des Mittelmeerraumes installiert hatten. Am 27.7.1943 schickte man mich, um die Schafe zum Mitato zurückzubringen, damit jeder Gesellschafter seine Tiere abholen konnte, die Saison war zu Ende. Plötzlich erschien am Himmel über Apokoronas ein tieffliegendes Flugzeug, das sich der Festung näherte. Ich nahm an, dass es ein deutsches war, aber als es genau über mir war, begann es, mit Maschinengewehren auf die Deutschen zu schießen. Es war Manolis Kelaidis, der spätere Befehlhaber unserer Luftwaffe. Wir erfuhren später, dass er einen Deutschen erschossen und zwei weitere verletzt hatte, gerade als diese sich rasierten.

Originaltext


Der Heimatforscher Kanakis I. Geronymakis

thumbs

Kanakis I. Geronymakis wurde 1926 in Vouvás Sfakíon geboren .

Seit vielen Jahren führt er Aufzeichnungen über das frühere Leben der ländlichen Kreter. In zahlreichen Schriften und Büchern beschreibt er detailliert die Tätigkeiten des täglichen Lebens, die Bräuche, Feste etc.
Zur Veranschaulichung fertigte er viele Zeichnungen und auch größere Bilder im Stil naiver Malerei.

Einige typische Gemälde sind hier vorgestellt:

Publikationen von Geronymakis

  • Νέος μαντιναδολόγος (Neos mantinadologos), 1969
  • Σφακιανή λαογραφία (Sfakiani laografia), Athina 1992
  • Τα νάκλια τησ Κρήτης (Ta naklia tis Kritis), Athina 1993, Chania 2001
  • Περιπλοκάδια (Periplokadia), 1995
  • Κοινότητα Ασφένδου (Koinotita), 1996
  • Παραβολικά ποιήματα (Parabolika poiimata), 1997
  • Η Κρήτη στο πρόσφατο παρελθόν (I Kriti sto prosfato parelthon), Athina 1998
  • Λαογραφικό Σφακιανό λεξιλόγιο (Laografiko Sfakiano lexilogio), Chania 1999
  • Κρητική λαϊκή ποίηση (Kritiki laiki poiisi), 2002
  • Κρητικά παραμύθια (Kritika paramithia), Athina 2003
  • Ταξίδι στην παράδοση (Taxidi stin Paradosi), Chania 2006, ISBN 960-86576-9-5
  • Λαϊκή ιατρική στην Κρήτη (Laiki iatriki stin Kriti), 2006
  • Η πανίδα της Κρήτης (I panida tis Kritis), 2007
  • Κρητική λαογραφία (Kritiki laografia), Mystis Editions, Irakleio 2008
  • Ο Πτέραρχος Κελαϊδής (O pterarchos Kelaidis), 2008


Weblinks

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