Kreipes Chauffeur: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 25. Oktober 2007, 15:32 Uhr

Irini Tachataki, aus: Die Entführung des General Kreipe

Übersetzt von Reinhilde Digruber

Der Chauffeur des Generals

Kreuzung bei Katoa Archanes / Patsides, wo der General entführt wurde. Die gebrochene Stele symbolisiert die gebrochen Macht der Achsenmächte Deutschland und Italien)

Erwähnenswert sind an dieser Stelle die Informationen, die wir über den Chauffeur des Generals, den Lenkers der berühmten Opel-Limousine und Vertrauten von Kreipe zusammengetragen haben. Sein Name ist Alfred X.*, wie uns sein Reisepaß verrät, den Kapitän Pavlis Zografistos als Andenken zurückbehalten hatte, als er ihn mit jener Truppe abgeholt hatte, die ihn auf den Psiloritis bringen sollte, um dort den General zu treffen. Es war geplant, dass er gemeinsam mit Kreipe in den Mittleren Osten verbracht werden sollte.

Suche deutscher Soldaten nach dem General. Kreipes Chauffeur und Ort der Entführung. Deutsches Hauotquartier in Archanes

Der Chauffeur fühlte sich nach dem Hieb, dem ihm Moss versetzt hatte, schwindelig, Pavlis zog ihn aus dem Auto und brachte ihn kriechend zu einem Versteck an der Straße. Noch immer benommen und von dem Gedanken erschrocken, dass er in die Hände von Freiheitskämpfern gefallen und sein Leben in Gefahr sei, öffnete er so halb und halb seine Augen und als er langsam wieder richtig zu Bewusstsein kam, war das Erste, was er fragte: „General?“. In gebrochenem Deutsch beruhigte ihn Kapitän Pavlis. Er sagte zu ihm: „Dem General geht’s gut und Du bist auch nicht in Gefahr. Du befindest Dich in guten Händen, sie werden Dich nicht töten, sondern zum General bringen, damit ihr Kreta verlasst.“ In der Zwischenzeit war auch Ilias Athanasakis zu ihnen gestoßen. Sie wuschen den Chauffeur mit Wasser, kühlten seinen Kopf und das zerschlagene Gesicht, bis er sich genügend erholt hatte. Er fasste wieder Mut, auch durch die Anwesenheit von Ilias Athanasakis, den er vom Sehen kannte, weil sie sich in der Gegend von Knossos zufällig getroffen hatten, wohin Ilias regelmäßig Abstecher wegen des Dienstes seines Vaters bei den archäologischen Ausgrabungen machte.

Archanes4.jpg

Er schaute Ilias daher mit fragenden Blicken an und der beruhigte ihn mit einem freundschaftlichen Blick. Zuständig für den Plan, den Chauffeur auf den Psiloritis zu bringen, waren Kapitän Chranakis, Zoidakis, Papaleonidas und Komis. Es war nicht geplant, dass Pavlis ihnen folgen sollte und so mussten sie sich nach einiger Entfernung trennen. An der Stelle von Vasilies – Agios Wassilis, an der Straße, die nach Malades hinaufführt. Im Augenblick des Abschieds drehte sich Alfred um und schaute Kapitän Pavlis mit einem vorwurfsvoll an, so als ob er ihm sagen würde: „Wie, Du lässt Du mich jetzt mit jenen allein? Was wird mein Schicksal bei ihnen sein?“ Er beruhigte ihn und trug den anderen auf, auf ihn aufzupassen und ihn dort, wo der Plan es vorsah, zu übergeben.

Sie nahmen ihn mit und setzten ihren Weg auf den Psiloritis fort. Als sie dann nach eineinhalb Nächten am „Petrodolakia“ ankamen, fragten alle, die sich dort befanden: „Wo ist er? Was ist mit dem Chauffeur des Generals passiert?“ Antonis Zoidakis übernahm es, ihnen die traurigen Ereignisse zu erklären: „Der Chauffeur wurde getötet.“

Wie es geschehen war? Sie marschierten unter unzähligen Vorsichtsmaßnahmen. Sie durften nicht gesehen werden und gleichzeitig war da die Angst des gefangenen Deutschen mitten in den Gebieten, die voller deutscher Kräfte waren. Sie gingen die ganze Nacht und im Morgengrauen befanden sie sich nahe bei Agios Mironas – Malivitziu. Das Tageslicht erlaubte es ihnen nicht, sich weiter fortzubewegen, und so hatten sie an einer verdeckten, sicheren Stelle Halt gemacht und auf die Nacht gewartetet, um ihren Weg fortzusetzen. Die die Wache am Versteck hielten, entdeckten eine starke deutsche Phalanx kurz nach Agios Mironas, die sich in Richtung ihres Lagers bewegte und nicht mehr als 300 m entfernt war. In diesem Moment, als der Chauffeur die Seinen näher kommen sah, wollte er einen euphorischen Moment lang stürmisch auf sich aufmerksam machen, sich bewegen und schreien. Zoidakis war damals der Meinung, dass er das absichtlich machte, um ihr Versteck zu verraten und er brachte ihn augenblicklich mit dem Messer um, ohne dass ihn die anderen daran hindern konnten. Diese Erklärung gab Zoidakis selbst der Truppe, sehr bedauernd wegen dem, was passiert war, aber in jenem Moment hätte er nicht anders handeln (denken) können.

Grigoris Chranakis gibt im Buch von Antonis Sanoudakis „Das Heer der Freiheitskämpfer - Kapitän Chranakis“, an – wir wiederholen hier exakt die Worte Chranakis, wie sie im Buch von Antonis Sanoudakis enthalten sind: „... auf unserem Weg unterhielten wir uns mit dem Chauffeur, er war ein guter Mensch, hatte Familie, einen kleinen Jungen, von dem er auch ein Foto dabei hatte, ja, und auf eine gewisse Weise, als wir an der Stelle angekommen waren, wo er hingerichtet wurde – ich, also weder ich noch Papaleonidas wollten ihn töten. Aber Antonis Zoidakis bestand darauf und sagte zu uns: ‚Wenn wir mit den Deutschen aneinander geraten, was werden sie mit ihm machen? Wird er uns nicht eine Last sein?’ Ich sage: Wenn Du willst, nehme ich ihn alleine und bringe ihn nach Anogia, damit ihr keine Verwicklungen auf dem Weg habt. Er nahm das Angebot jedenfalls nicht an, ich konnte auch keinen weiteren Einwand mehr erheben und wir richteten ihn hin und warfen ihn in eine Grube. Als wir ihn niederhielten, um ihn mit dem Stileto hinzurichten, verlangte er noch, seinen Kleinen zu sehen. Er hatte einen Jungen. Es war natürlich nicht einfach, aber wir richteten ihn, warfen ihn in eine Grube und zogen sofort weiter.“

Wir schließen diesen Einschub von Auszügen, die wir aus dem Buch von Antonis Samardakis entnommen haben, mit den wortwörtlichen Schilderungen des schlimmen Schicksals des Chauffeurs Alfred und fügen noch ergänzend hinzu: Der Chauffeur hatte wirklich Familie, Frau und Kind. Fotos befanden sich in der Geldbörse von Alfred, die ihm Kapitän Pavlis abgenommen hatte, bevor sie sich trennten. Fotos von seiner Frau – sie war eine schöne Frau mit Hut – und seinem dreijährigen Sohn, der als Nazi-Soldat gekleidet war, und andere familiäre Andenken, die Kapitän Pavlis uns für diese Ausgabe überlassen hat, bald werden sie auch in einem unserer Volkskundemuseen ausgestellt werden. Er leugnet es auch gar nicht, dass er sie ihm abgenommen hat. Er behielt sie als Beweis für das Tun der Entführergruppe und ist jetzt dazu bereit, sie dem Museum zu übergeben, in der Überzeugung, dass sie der Heimat gehören. Es sind die Dokumente der Kämpfe ihrer Kinder. So drückt er selbst sein Bedauern aus, während seine Gegner ihn beschuldigten, dass er den Chauffeur pingelig untersuchte, dass er ihn also beraubte. In erster Linie war er ein uneigennütziger Kämpfer und hat unzählige Patrioten und Widerstandskämpfer beherbergt, ohne dafür für sich oder seine Familie in solch schwierigen Zeiten etwas zu verlangen. Um bei der historischen Wahrheit zu bleiben – es gab Mitbürger, die hart kämpften und von den Mitstreitern auch kräftig entlohnt wurden. Es besteht kein Grund zum Tadel, falls sie Geld genommen haben oder falls sie nach der Befreiung Erleichterungen genossen haben. Die meisten waren Familienoberhäupter, sie hatten große Bedürfnisse und die Verpflichtung, für ihre Kinder zu sorgen. Das Leben ist auch ein Kampf. Ein friedlicher Kampf. Und die Werte konkurrieren - sowohl in Zeiten des Krieges als auch in Zeiten des Friedens. Und wenn ihnen Tadel ausgesprochen werden, so können diese niemals gerecht sein. Aber gesegnet seine alle die, die gelitten haben, um unserem stark gequälten Land das göttliche Geschenk der Freiheit wiederzugeben.

Ein weiteres Details aus dem Leben des Chauffeurs fügen wir an. Im Schlupfwinkel, in dem die Freiheitskämpfer zusammentrafen, erzählten sie dem General kein Wort vom bitteren Schicksal seines Chauffeurs. Als er sie danach fragte, was mit ihm geschehen sei, erklärten sie ihm, dass er sich in einem anderen Unterschlupf der Freiheitskämpfer in Sicherheit befände. Es tat ihnen aber allen sehr leid, auch der kretischen Bevölkerung, als diese von seinem Ende erfuhr. So, als wäre es ein großes Unrecht gewesen, das geschehen sei. Aber wer ist wirklich schuld daran? Jemand anderer als der Krieg? Hat dieses Ungeheuer nicht auch tausende zu unrecht getötete Unsrige verschlungen? Die Bestialität des Eroberers kannte keine Grenzen. Aber im Fall von Alfred war es keine Revanche. Es war eine Notwendigkeit. Der Feind lauerte an allen Ecken und Enden und die Anwesenheit eines gefangenen Gegners barg die Gefahr, dass unsere Patrioten mit jedem Schritt lokalisiert werden konnten. Ein antikes Sprichwort sagt: „Du kommst auch noch dran“ – ein heutiges: Zuerst Du, dann ich“.

Antonis Zoidakis, der Täter, war ein glühender Patriot, der große Beweise von Heldenhaftigkeit und Selbstaufopferung erbracht hat, aber sein eigenes Schicksal war auch nicht besser als jenes von Alfred. Wenige Monate nach diesem Ereignis geriet er in eine deutsche Blockade, wurde gefangen genommen und hingerichtet. Das ist der Krieg!

Und noch etwas aus seinem Leben – als Chauffeur des Autos des Oberbefehlshabers der Garnison Kreta war er immer in dessen Nähe. Er brachte ihn von der Villa Ariadne, seiner Unterkunft, ins Hauptquartier nach Archanes und wieder zurück. In der Zeit, in der Kreipe im Hauptquartier arbeitete, hatte der Chauffeur ein Haus als Bleibe, wo er sich mit den anderen deutschen Soldaten aufhielt. Sie hatten ein großes Zimmer, den Salon, im Haus des Marko Lydakis, neben meinem Elternhaus, beschlagnahmt. Das habe ich erst kürzlich von der unvergesslichen Hausherrin, meiner Tante Katina Lydakis, erfahren, als ich eines Tages, bevor sie starb, mit ihr über einige Ereignisse dieser Zeit gesprochen habe. Die geschätzte Frau hat mir 1987 erzählt, „Hier hat der Chauffeur des Generals gewohnt, mein Kind, hier in meinem Salon, aber er war nicht ständig da.“ „Wie hieß er?“ fragte ich, um die verschiedenen Auskünfte abzugleichen, da sich auch schon sein Pass und seine Fotos in meinen Händen befanden. „Er hieß Alfredo, wenn ich mich richtig erinnere.“ „Wie war er so?“ „Groß, mager, dürr, aber jung und sympathisch. Wir haben nicht viel miteinander gesprochen. Er sprach aber mit meinem Stellio, der damals ein kleines Kind war. Er hat die Kinder sehr gern gehabt. Es war, als ob er seinen eigenen anschaute und hin und wieder gab er dem Kleinen Schokolade. „Piccolo, Schokolade“ sagte er zu ihm und gab sie ihm. Und ganz wenige Male kam er ins Zimmer, das mit dem Fenster auf die Straße hinaus, in dem wir die Nachmittage verbrachten. Meine Nichte Eulalia Kanetaki war da, Marika, meine Tochter und der kleine Stellio. Er brachte ihm Schokolade und saß kurz bei unserer Gesellschaft, weil Eulalia Deutsch sprach. Während der ganzen Zeit, die er dort saß, hielt er seine Pistole und drehte sie in seinen Händen hin und her. Da sagte die zwischenzeitlich verstorbene Eulalia zu ihm. Alfredo, steck die Pistole weg, ich fürchte mich.“ „Warum fürchtest Du Dich?“ sagte er. "I c h muss mich fürchten, weil ich geträumt habe, dass sie mich in drei Tagen umbringen werden.“

Und tatsächlich, drei Tage später wurde auch er ein Opfer des Krieges, den uns seine Heimat mit dem paranoiden Hitler beschert hat – sein Lebensfaden riss im Alter von 28 Jahren. Und er hatte Frau und Kind .... dieser schauderhafte Krieg .... !!!


  • Der Name ist im gr. Original ausgeschrieben und wurde hier mit Rücksicht auf hier lebende Angehörige anonymisiert. Die gr. Namen sind in zahlreichen Büchern dokumentiert und wurden deswegen vollständig belassen.