Anogia

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Anogia heute

Der Ort

Anogia ist ein großes Dorf in Zentralkreta, nördlich des höchsten Bergs von Kreta, des Psiloritis. Es gehört zum Nomos Rethymno. Anogia ist ein Zentrum der Viehwirtschaft, die Schaf- und Ziegenherden weiden im Sommer auf der Nidahochebene. Weitere Spezialiät von Anogia und Einkommenquelle der Frauen sind Strick- und Webwaren.

Anogia ist bekannt als Heimatort vieler bekannter kretisches Musiker und Dichter von Mantinaden, darunter vor allem die Familie Xylouris mit Nikos Xylouris, Psarantonis und anderen, und Vater und Sohn Skoulas.

Was geschah

Das Dorf Anogia / Milopotamos nach der Zerstörung durch deutsche Truppen 1944

Mitte August 1944 begannen die deutschen Repressalien insbesondere im Ida-Gebirge und im Westen Kretas, wo das Andartiko besonders verbreitet war. Damit sollte der deutsche Rückzug in den Westen Kretas abgesichert werden. Der erste Ort, der im Rahmen dieser Maßnahmen zerstört wurde, war am 13. August 1944 das größte Dorf der Insel, Anogia. Es folgten weitere Zerstörungen, von denen insgesamt 13 Ortschaften betroffen waren. [1]

Die Deutschen befahlen den Einwohnern innerhalb einer Stunde den Ort zu verlassen. Dann brannten sie die Häuser nieder, und sprengten diese anschließend mit Dynamit. Die Einwohner, die wegen ihres Alters oder ihrer Gebrechen das Dorf nicht verlassen konnten, brachten sie um. Von den 950 Häusern Anogias ist nicht eins übriggeblieben. Die offizielle Liste der Präfektur Rethymnon führt 117 hingerichtete Einwohner Anogias für die Zeit der Besatzung auf. [2]

Stefanis

Gedenkstein für Stefanis Xylouris

Am westlichen Ortsausgang Richtung Axos wurde der 8-jährige Stefanis Xylouris ermordet. Auf dem Gedenkstein heißt es:

Hier wurde am 13.August 1944 kaltblütig hingerichtet
Stefanis Xylouris 8 Jahre alt.
Ein unbewaffnetes Kind wurde Opfer des deutschen Besatzers
und es vergingen 6 Tage und Nächte, bevor er begraben werden konnte.
Als das Dorf brannte, war es ein schwarzer Tag
und den Vater von Stefanis traf die erste Kugel.
Dimos Anogia 2006

Hintergrund

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"Den dort lebenden Einwohnern wurde vorgeworfen, „nachweislich dauernd die Banden in jeder Weise“ unterstützt zu haben. Wenig überzeugen konnte hingegen ein weiterer Rechtfertigungsversuch, nämlich, dass manche Dörfer – vier Monate zuvor! - an der Kreipe Entführung Anteil gehabt hätten"[3]

Die Täter

Festungskommandant Friedrich Wilhelm Müller gab den Befehl:

"Da die Stadt Anogia ein Zentrum der englischen Spionagetätigkeit auf Kreta ist, da die Einwohner Anogias den Sabotageakt von Damasta ausgeführt haben, da die Partisanen verschiedener Widerstandsgruppen in Anogia Schutz und Unterschlupf finden und da die Entführer Generals Kreipe ihren Weg über Anogia genommen haben, wobei sie Anogia als Stützpunkt bei der Verbringung nutzten, befehlen wir, den Ort dem Erdboden gleichzumachen und jeden männlichen Einwohner Anogias hinzurichten, der innerhalb des Dorfes oder in seinem Umkreis in einer Entfernung bis zu einem Kilometer angetroffen wird."
Chania, den 13.8.1944
Der Kommandant der Festung KRETAS
H. Müller

Erinnerungen

Der Lyraspieler Jorgos Skoulas (Sakoulas) im Museum seines Vaters Alk. Skoulas

Der Maler Alkiviades Skoulas (gen. O Grillos), geb. 1902, hat den Weg Kretas in die Freiheit und den Widerstand gegen die faschistischen Truppen Deutschlands und Italiens noch selbst erfahren. Seit 1972 malte er als Autodidakt Szenen aus den Kretischen Freiheitskämpfen. Seine Gemälde sind in einer kleinen Galerie in Anogia (hinter der Platia im "Unterdorf", Nachfragen bei der Taverne o Michalos) zu besichtigen.

Die Künstlerin Karina Raeck lebte Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre in Anogia und entwarf dort die Landschaftsskulptur 'Partisan des Friedens', die sie mit Unterstützung der Anogianer auf der Nida-Hochebene erstellte.

Ω Παναγιά μου Ανογειανή

Der Lyraspieler und Sänger Nikiforos Aerakis hat, nach Überlieferung von einer Bewohnerin Anogias, folgendes versöhnliche Lied geschrieben[4]:

O, meine Madonna aus Anogia
Eines Sonntagmorgens, zur Zeit der Liturgie
kamen die Deutschen nach Anogia und wollten Partisanen
für sich gewinnen.
Partisanen, die mit ihnen gemeinsame Sache machten,
konnten sie nirgends finden,
sie fanden nur Alte, Frauen und Kinder vor, und nahmen sie ein, besetzen das Dorf.
Oh, Blumen blüht nicht, Vöglein zwitschert und singt nicht.
Anogia wird von den Deutschen bis auf die Grundmauern abgebrannt.
Ihr sollt darum trauern, ihr sollt darüber betrübt sein.
Zugvögel kamen aus der Wüste und der Einsamkeit um den Sommer dort zu
Verbringen. Aber sie fanden in Anogia keine einzige Mauer und Wand vor,
um ihre Nester darin zu bauen.
Oh, Panagia mou, Anogiani, wo warst Du zu jener Stunde
Als sie Feuer gelegt haben in unserem geliebten, berühmten Anogia.

Übersetzung M.W.

Das Lied gesungen von Giorgos Vrentzos in Anogia:

Webquellen

  • Bericht über das Museum auf einer Website über Anogia
  • Hier einige Links zu Zeitungsberichten - leider nur in englischer Sprache: [1] [2] [3]
  • Und hier eine Seite über Nikos Kazantzakis, der Anogia nach dem Krieg besucht hatte, um aufzuschreiben, was durch die Deutsche Besatzung in der Zeit des 2. Weltkriegs in Anogia und Umgebung angerichtet worden war: [4]

Quellennachweise

  1. vgl. Xylander, Marlen von: Die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941-1945, Rombach Freiburg 1989, 153 S. ISBN 3-7930-0192-X)
  2. Strohmeyer, Arn: Dichter im Waffenrock, S. 20/21
  3. Xylander, Marlen von: a.a.O. S.
  4. Aus der gleichnamigen CD von Nikiforos Aerakis "Ω Παναγιά μου Ανογειανή"