Koustogerako

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Gedenkstätte Koustogerako

Der Ort

Koustogerako ist ein Dorf in Selino, Südwestkreta, etwa 10km nördlich von Sougia, im Nomos Chania. Es liegt hoch auf einer Anhöhe oberhalb des Dorfes Livadas. Die - jetzt gut ausgebaute - Straße endet hier.

Koustogerako

Kantanoleon stammt von hier, der sich 1527 (oder 1570 - hier nennen die Quellen unterschiedliche Daten) an einem erfolgreichen Aufstand gegen die Venezianische Herrschaft beteiligte und in Meskla eine unabhängiges Westkreta regierte. Die Venezianer sollen sich gerächt haben, indem sie bei der Hochzeit von Kantanoleons Sohn mit der Tochter eines venezianischen Adligen aus Chania, Molino, die Hochzeitsgäste betrunken machten, es ist auch von Opium im Wein die Rede, und abschlachteten. Kantanoleon und sein Sohn und dreißig weitere kretische Adlige (Archontes) wurden dieser Überlieferung nach direkt gehängt, die anderen Hochzeitsgäste, einige hundert, in vier Gruppen aufgeteilt, die in Koustogerako und in Meskla, Chania und an der Straße von Chania nach Rethymnon gehängt wurden. Andere Familien wurden verbannt oder flohen in die Berge, Koustogerako, Meskla und andere Dörfer wurden zerstört. [1]

An Kantanoleon und den Aufstand erinnert ein großes Denkmal auf der Plateia von Koustogerako.

Ein weiteres Mal wurde der Ort von den Venezianern niedergebrannt und einmal, im Jahre 1821, von den Türken.

Heute

"Wir sind ein fröhliches Altersheim hier" sagt Jianoula Kalakatevaki auf die Frage, wieviele Menschen in Koustogerako leben, "Ungefähr dreißig sind wir noch, davon nur zwei junge Familien. Die jungen Leute gehen nach Sougia, Chania, Athen, ins Ausland."

Hintergrund

Zeitung zum Jahrestag der Zerstörung von Koustogerako, Moni und Livadas

Die Geschichte der deutschen Besatzungszeit in Koustogerako hat viele Kapitel. In der Region von Selino hatte sich starker Widerstand formiert. Die Deutschen hatten Posten auf der nordöstlich gelegenen Omalos-Hochebene und in Sougia an der Küste. Die Bergregion dazwischen war für die deutsche Armee recht unzugänglich, die Antarten (Partisanen) fanden viel Rückhalt in den Dörfern. In einer Höhle in der Nähe von Koustogerako unterhielten die Briten lange eine Funkstation.

In Koustogerako war vor allem die Familie Paterakis bekannt: Manolis Paterakis kooperierte mit den Briten, im April 1944 gehörte er zu den Organisatoren der Entführung des deutschen Generals Kreipe. (... übrige Familienmitglieder ...)

Im Sommer 1943 war der Neuseeländische Sergeant-Major Perkins, genannt Vassili oder Kiwi, von Ägypten nach Kreta zurückgekehrt, um unter dem Kommando von Xan Fielding für den britischen Geheimdienst mit dem kretischen Widerstand zu kooperieren. Er hatte beim Abzug der Aliierten von Kreta keine Gelegenheit gehabt, ein Schiff zu erreichen und versteckte sich (...wielange?...) mit Unterstützung der Kreter, u.a. auch der Familie Paterakis auf der Insel.

Was geschah

29. September 1943 [2]

Es war den deutschen Besatzern wohl zu Ohren gekommen, daß die Briten Material mit Fallschirmen in der Selino-Region abgworfen hatten und daß dort eine Funkstation der Alliierten in Betrieb war. Sie hatten schon seit längerem versucht, die Partisanen der Gegend in einen Hinterhalt zu locken, dies war aber immer fehlgeschlagen. In der Nacht zum 29. September 1943 wurde die Paterakis-Familie durch einen Boten gewarnt, daß starke deutsche Verbände von der Omalos-Hochebene in Richtung Koustogerako unterwegs seien. Die Männer, die im Widerstand waren, verliessen das Dorf und verbrachten die Nacht in den Bergen. Im Morgengrauen hörten sie Kampflärm und Flugzeuge, die die Dörfer Koustogerako, Moni und Livadas bombardierten.

Die Antartes brachen in Richtung Koustogerako auf und trafen auf dem Weg auf die erschossenen Angehörigen Nikos und Antonis Paterakis. Aus dem Dorf geflohene Nachbarn berichteten, die Deutschen schössen unterschiedslos auf Frauen, Jugendliche und Kinder. Eine deutsche Patrouille wurde von den Partisanen überwältigt, sechs Soldaten wurden erschossen. Deren Waffen brachten die Partisanen an sich, vor allem Gewehrmunition, die ihnen ausgegangen war.

In der Zwischenzeit hatten die Deutschen die Frauen und Kinder in Koustogerako verhört, um zu erfahren, wo deren Männer und die Briten seien und wo die britische Funkstation versteckt sei. Da sie keine Information bekamen, trieben sie die Frauen und Kinder zusammen und bereiteten deren Exekution vor. Kostis Paterakis und die anderen Antartes hatten sich dem Dorf bis auf etwa 400m genähert und hatten von ihrer Position am Hügel im Süden des Dorfes freien Blick auf das Geschehen. Drei deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen hielten die Frauen und Kinder in Schach.

Kostos Paterakis zielte und konnte einen dieser Soldaten erschiessen, einen anderen traf er am Bein. Andere Partisanen schossen ebenfalls und trafen andere Soldaten. Die übrigen Deutschen warfen ihre Waffen weg und flohen. Die Frauen und Kinder flohen sofort in die Berge, da sie einen weiteren Angriff erwarteten, sie trafen dort die Antartes. Vier Frauen und ein junges Mädchen waren von den Deutschen erschossen worden, bevor das Exekutionskommanda angegriffen wurde.

Die Einwohner von Livadas und Moni konnten nicht entkommen, viele von denen, die Bombardierung und Schießerei überlebt hatten, wurden in das Gefängnis Agia gebracht.

Der Britische Geheimdienst berichtete, daß an diesem Tag etwa 50 Menschen in den Dörfern umgebracht wurden[3]. Die Antartes schätzten, daß sie in den Kämpfen etwa 100 deutsche Soldaten getötet hätten[4]

Erinnerungen

Sofia Pateraki erinnert sich: Ich war 16 damals, als die Flugzeuge das Dorf bombardierten. Wir sind sofort geflohen und haben uns versteckt. Barfuß waren wir und wir hatten keine Wasser. Kleine wilde Birnen haben wir geröstet. Wir sind zur Samaria-Schlucht und haben da in einer Hütte der Viglis-Familie übernachtet. Dann sind wir weiter nach Anopolis gelaufen, da hatten wir Verwandte. Und dann nach Mouri. Aber die Leute dort hatten Angst, Flüchtlinge aus Koustogerako aufzunehmen. Die Deutschen hatten da ein Haus abgebrannt. Sie haben uns Proviant gegeben und wir sind wieder nach Anopolis. Meine Schwester hatte ich verloren, aber wir haben uns hinterher wiedergefunden.[5]

Täter

Verantwortlich: Fliegergeneral Bräuer



Die Gedenkstätte


Gedenkstätte Koustogerako

Das Koustogerako-Denkmal wurde von Xyradakis entworfen, berichtet Sofia Pateraki.

Der Text auf dem Gedenkstein neben dem Mahnmal ist der Beginn des Gedichts "Thermopylen" von Konstaninos Kavafis.


Thermopylen

Ehre sei jenen, die ihr Leben
bestimmt haben, die Thermopylen zu bewachen.
Niemals rühren sie sich fort von der Pflicht;
gerecht im gleichen Maß sind alle ihre Taten,
doch auch voll Mitleid und Barmherzigkeit;
freigebig, sooft sie reich sind, und wenn
sie arm sind, freigebig auch im Kleinen,
hilfreich, so viel sie nur können;
stets sprechen sie die Wahrheit,
doch ohne Haß gegen die Lügner.

Noch viel mehr Ehre gebührt ihnen,
wenn sie voraussehn (und viele sehen es voraus),
daß am Ende Ephialtes erscheinen wird,
und daß die Meder schließlich durchmarschieren.

Konstantinos Kavafis
Übersetzung von Lorenz Gyömörey


Eindrücke

"Hast Du Dir das Mahnmal gut angeguckt?, fragt Jianoula Kalakatevaki, hast Du gesehen, die Steine unten, die dunklen, wie zerschossene, zerschlagene Gesichter.... Und der helle Strahl - der zeigt, ihre Seelen gehen hinauf in den Himmel, ins Freie."

Von den vielen Mahnmalen auf Kreta, die ich bisher vor Ort gesehen habe, berührt mich das in Koustogerako besonders. Wegen seiner klaren reduzierten Formen, weil es in meiner Wahrnehmung nah an den Opfern bleibt und weil es viele Sichtweisen zulässt und, im mittleren Bereich mit den Symbolen, wagt, Unvereinbares nebeneinander zu stellen.

Die Empfindung von J. Kalakatevaki zeigt, daß das Mahnmal für die Überlebenden und ihre Nachkommen eine tröstende Aussage bereit hält, und auch das ist eine Qualität dieser Skulptur.

Meine Assoziationen sind andere: Ich sehe drei Schichten - eine rauhe, dunkle archaische, die mich an die vielen Kämpfe und Unterdrückungen der kretischen Geschichte denken lässt, aber auch an die Felsen und Steine, die Kreta ausmachen. Eine glatte, harte Schicht mit vielen Symbolen und Buchstaben - Fisch, Boot, Auge Gottes, Wellen auf der Koustogerako-Tafel - Stierkopf, Hakenkreuz, πυρ (Feuer!), Sonnenrad, α und ω auf der Livadas-Tafel - Tempel, Kreuz, Halbmond, Agrimi, kretisches Messer und Lyra auf der Moni-Tafel. Und darüber Schicht von eine weißen, ausgewaschenen, unregelmäßigen Steinen. Die Schichten erinnern mich an ein Gefühl, das ich oft bei Recherche für dieses Kreta-Wiki habe: daß ich unter der mir bisher bekannten Oberfläche von Kreta etwas von anderen Zeiten spüre, daß Ortsnamen sich nicht verbinden mit hübschen Häusern, Tavernen und Aussichten, sondern mit Hinrichtungen, Kämpfen, Bombardierung, daß Schluchten, Strände, Höhlen an durchziehende Truppen, fliehende Einwohner, nächtliche Evakuierungen denken lassen, daß bei alten und neuen Bekannten ihre Kriegserlebnisse und die ihrer Eltern und Großeltern auftauchen. Der weiße Marmorstrahl wird dann für mich zu einer Wurzel, er wirkt durch die Äderung und die geschwungene Form lebendig, organisch. Die Wurzel durchdringt diese Schichten und nimmt dabei, wie eine Baumwurzel, aus allen Schichten etwas auf und bringt es an die Oberfläche, auch wenn es dieser nicht anzusehen ist.
AW


  1. engl. Wikipedia 'Sfakians' sfakia-crete-com Detorakis, Theocharis: Geschichte von Kreta. Heraklion 1997, S.186, Roman zu dieser Geschichte: Sp. Zambelios: Kretische Hochzeiten. 1871
  2. Die Darstellung folgt im Wesentlichen: Elliott: Vasili - The Lion of Crete. Athen 1987. S,135 - 139
  3. Kokonas, N.A. (Hsg): The Cretan Resistance 1941-1945, The official British report of 1945 together with comments ..., Iraklion 2004 (1. A. 1992?)
  4. Elliot: Vasili - The Lion of Crete. Athen 1987. S.139
  5. Gespräch in Koustogerako im Herbst 2007

Weblinks

Kreta-Wiki: Livadas, Selino

Wikipedia: Koustogerako
engl. Wikipedia 'Sfakians' über den Kantanoleon-Aufstand
Sfakia-crete.com über den Kantanoleon-Aufstand

Lage

GE Koustogerako.jpg
SwDimos Anatolikou Selinou.jpg