Lebold

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Robert Lebold mit dem in Kastelli herausgegebenem Buch seiner Photographien

Robert Lebold (geb. 5.Dezember 1914 in Wiesbaden) war vom 5. Mai 1942 zunächst als Gruppenleiter der Luftbild-Auswertung, ab 1.7.1943 dann als Oberfeldwebel bei der Fernaufklärer-Staffel 2.(F)123 bis zum 17.9.1944 in Kastelli Pediadas auf Kreta stationiert.

Lebold bemühte sich um freundschaftliche Kontakte zu den Einwohnern von Kastelli und konnte einige gute Beziehungen zu ihnen aufbauen. So brachte er zum Beispiel für kretische Soldaten, die in Athen im Krankenhaus lagen, Lebensmittelpäckchen von ihren Verwandten mit.

Er fotografierte viel, offizielle und private Anlässe und Dörfer, Landschaft und Menschen. Seine Bilder stellte er 50 bis 60 Jahre nach dem Krieg dem Archiv der Gemeinde Kastelli zur Verfügung. Sie erstellte aus ca.280 der Fotos einen Bildband und stellte einige Bilder in der Bibliothek aus. Bilder wurden auch genutzt vom Marine–Museum Piräus, für eine Veröffentlichung über den Flughafen Kastelli und in einem Buch des Lehrers und Historiker Georgios Kalogerakis über den Widerstand in der Gemeinde Kastelli. Für die Herausgabe seines Bildbandes beantwortete R. Lebold Fragen des Herausgebers G. Kalogerakis und stellte uns diese Antworten sowie weitere Berichte für das kreta-wiki zur Verfügung.

Luftbild-Auswertung

Die Aufgabe der Fernaufklärer-Staffel 2.(F)123 war die Luftaufklärung im östlichen Mittelmeer, also der alliierten Flottenverbände, der Belegung der Kriegshäfen Alexandria, Port Said und Suez, der afrikanischen Nordküste von Benghazi bis zum Suezkanal, von Palästina, Libanon und Zypern. Die Bild-Aufklärungsflüge wurden zunächst in 7.000 – 8.000 m Höhe mit der ‚Ju 88’ geflogen. Wegen starker Verluste wurde später auf Flüge mit der ‚Ju86’ umgestellt, die in 13.000 – 14.000 m Höhe fliegen konnte und von englischen Abfangjägern, die nur bis 11.000 m hoch flogen, nicht erreicht wurden. "Nach der Landung auf dem Flugplatz Kastelli wurde die Filmkassette ausgebaut und zum Gymnasium gebracht, wo die Luftbild-Auswertung stationiert war. Dort wurde der Film entwickelt und mit Methylalkohol ‚schnellgetrocknet’. Ich gab das Ergebnis der „Negativ-Auswertung“ verschlüsselt nach Athen durch, in besonderen Fällen auch nach Rom. Darauf folgte dann die „Positiv-Auswertung“ der Luftbilder." [1]

Erinnerungen

Kurierfahrten nach Athen

"Die Bevölkerung in Kastelli/Pediadas berichtete mir im Mai 1942, dass ihre verwundeten Soldaten in einem Krankenhaus in Athen an Hunger leiden würden, ob es nicht möglich sei, Päckchen von Kreta nach dort zu überbringen? Da ich oft als Kurier von Kastelli nach Athen geflogen bin, war ich bereit, dieser Bitte nachzukommen. Ich überbrachte persönlich die Päckchen (Inhalt Olivenöl, Rosinen und Schafskäse), die ich vorher sorgfältig auf Geheimhaltung überprüft hatte, den Soldaten in Athen."

Als Trauzeuge in Agia Paraskevi

Lebold im Sommer 1942

"Im Sommer 1942 hörte ich aus der Bevölkerung, daß in einem Bergdorf 'Agia Paraskevi' bei Kastelli-Pediados eine Hochzeit nach "alter Kreta-Art" stattfinden würde. Mein Staffelkapitän gab mir die Genehmigung, nach dort hinzugehen.

Vor der Kirche standen bereits die Möbelstücke, um gesegnet zu werden. Das Brautpaar bat mich, ihr Trauzeuge zu sein, ich sagte, mir der Ehre bewußt, zu. Als sich der Hochzeitszug von der Kirche zum Haus der Braut in Bewegung setzte, mußte ich vorweg des Zuges sein, um mit meiner Pistole laufend in die Luft zu schießen. Am Haus der Braut angekommen, mußte die Braut einen Granatapfel an die Türschwelle werfen. Er zerbrach in unzählige Stücke und das bedeutet Glück, im anderen Fall Pech! Vorm Haus war alles ausgestellt, was die Braut in die Ehe mitbringt.

Dann ging es zum Haus des Bräutigams. Ich saß ganz ruhig zwischen zwei Lyra-Spielern, während die Hochzeitsgäste tanzten, tranken und jubelten. Dann kam der Moment, auf den alle warteten: Ist die Braut vor der Brautnacht noch Jungfrau? Bei diesem Zeremoniell spielt die Mutter des Bräutigams die entscheidende Rolle. Sie mußte sich überzeugen, daß die Braut die Jungfräulichkeit noch besaß. Dies war der Fall, denn nach Bekanntgabe der Mutter des Bräutigams feierten die Hochzeitsgäste dieses freudige Ereignis mit ohrenbetäubendem Geschrei.

Aber mitten in diese unbeschreiblich ausgelassene Stimmung platzte ein großes Wehklagen herein. Ein Feldwebel und ein weiterer Soldat des Heers, die eine Stunde zuvor kurz die Feier besucht hatten und etwas zu Trinken bekamen, hatten im Anschluß eine Ziege gestohlen und dieselbe an ein Motorrad gebunden. Zum Glück konnten sie bei den Wegverhältnissen nur im Schrittempo fahren. Ich machte mich im Eiltempo sofort an die Verfolgung und alle Hochzeitsgäste, etwa 40 Personen, hinterher. Es war bereits dunkel. Als ich den Feldwebel auf etwa 60 bis 80 Meter erreicht hatte, schrie ich laut: "Nicht schießen! Deutscher Soldat!" Sie banden die Ziege vom Motorrad los und verschwanden. Was sich dann abspielte, ist nicht zu beschreiben. Ich wurde gefeiert, als wäre ich die Hauptperson der Hochzeit. Als wir uns alle wieder im Haus des Bräutigams eingefunden hatten, stieg ich auf einen Stuhl und hielt in griechischer Sprache, so gut es ging, eine kleine Ansprache. Ich bat um Entschuldigung, daß dieser Vorfall von Deutschen verursacht wurde. Ich betonte gleichzeitig, daß wir im Krieg seien und daß es auf allen Seiten schwarze Schafe gäbe. "Laßt uns diese Angelegenheit vergessen, die Hauptsache ist, die Ziege ist wieder da und nun wollen wir wieder feiern."

Dieses Ereignis wurde bald in allen Orten der Umgebung bekannt, Der Held hieß Roberto von Kastelli. Während eines Urlaubs 1977 besuchte ich diesen Ort. Den Bräutigam namens Antonios Frachadoulakis traf ich nicht, aber später andere Personen, die sich an die Hochzeit vom Sommer 1942 erinnern konnten.[2]

Kretisch-deutscher Tanzabend

Pfarrer Papadakis und Familie

1943, mitten im Krieg, organisierte ich mit dem damaligen Pfarrer Papadakis, daß im Pfarrhaus von Kastelli-Pediados ein deutsch-kretischer Tanzabend stattfinden konnte. Es waren u.a. anwesend: von kretischer Seite Herr Pfarrer Papadakis mit seiner Ehefrau, Tochter und Sohn, der Professor und Rektor vom Gymnasium mit seiner Gattin und Tochter, Frau Sophia Z. und Tochter und etwa fünf bis sechs deutsche Soldaten. Es war im Sommer oder Herbst 1943. Die Pfarrerfamilie sorgte für kleine Speisen und Getränke. Von kretischer Seite war von Interesse zu sehen, wie ein Walzer getanzt wird, den zeigten wir deutsche Soldaten. Dann folgten von kretischen Mädchen deren Volkstänze. Anschließend ging alles gemischt über die Bühne. d.h. wir Soldaten hatten zum ersten Mal Gelegenheit ein kretisches Mädchen in die Arme zu nehmen, um ihnen den Walzer beizubringen. Es war ein außergewöhnliches Ereignis, ein voller Erfolg.

Gäste beim Tanzabend

Diese Annäherung und Verbundenheit zur Bevölkerung zahlte sich Ende des II.Weltkrieges im September 1944 in Kastelli-Pediados aus. Der Standortälteste, ein Hauptmann der Flak, wollte wegen eines kampflosen Abzugs von Kastelli mit den Partisanen verhandeln. Er wurde mit seinem Fahrer erschossen. Ich wurde respektiert. Mit den Partisanenführern in Amariano erreichte ich, daß ich mit meinem Einsatzkommando der 2.(F)123 kampflos abziehen konnte. Dafür sorgte ich als Dank dafür, daß wir unser Elektrizitätswerk nicht zerstörten.

Nach dem Krieg erfuhr ich, daß die Bevölkerung von Kastelli-Pediados mit diesem E-Werk noch mehr als zwei Jahre über den Krieg hinaus mit Strom versorgt werden konnte.

Verhandlungen mit den Antartes vor dem Rückzug

"14 Tage bevor ich Kastelli verlassen habe, hatte ich einen Brief aus Athen, den ich in Amariano abgeben sollte. Nachdem sich um diese Zeit kein deutscher Soldat mehr nach Amariano gewagt hätte, befragte ich mich in Kastelli, ob ich gehen könnte. Man sagte mir: „Roberto, Du kannst gehen, Dir passiert nichts. Ich machte mich mit einem deutschen Soldaten auf den Weg. Unterwegs wurde ich immer wieder von Hirtenknaben gefragt, wer ich bin? Ich sagte stets: "Ich bin Roberto, Topographos vom Gymnasium." – so war ich in Kastelli bei allen bekannt.

Als ich in Amariano ankam, liefen alle bewaffnet herum. Man führte mich zu einem Kreter, für den der Brief von Athen bestimmt war. Dort unterhielten wir uns über den Krieg und dass wir bald Kastelli verlassen würden. Mein Vorschlag war, wir werden unser E-Werk nicht zerstören, lassen Sie uns ohne Kampf abziehen.

Es wurde ein Huhn geschlachtet. Wir haben gut gegessen und getrunken und später auch gesungen. (Auch ich kann einige kretische Lieder perfekt singen.) Ich wiederhole, ich hatte keine Angst, meine Maschinenpistole stand in einer Ecke abgestellt!

Dann machte ich mich auf den Weg nach Kastamonitsa. In einem Kafenio traf ich viele Kreter aus Kastelli. Herr Polemarchaki Senior ordnete wegen der Dunkelheit an: 'Roberto, Sie können jetzt nicht zurück, Sie müssen hier schlafen und Morgen früh nach Kastelli zurückkehren!'

Nach dem Krieg erfuhr ich, dass Kastelli noch 2 Jahre Licht mit unserem E-Werk abnehmen konnte."

Abzug aus Kastelli, September1944

Am 16.September 1944 trafen sich die Vorgesetzten der noch vorhandenen Wehrmachtsteile von Fliegerhorstkompanie, Baukompanie, Flak und Einsatzkommando 2.(F)123 unter der Leitung des Hauptmanns der Flak zu einer Endbesprechung, d.h. am 17.9.1944 entscheidet es sich, wie die Absetzbewegungen nach Westkreta festgelegt werden sollen. Dies teilte ich meinem Staffelkapitän in Totoi/Athen mit. Er sagte mir: "Morgen nachmittag wird das Kommando mit einer JU52 abgeholt."

Noch am selben Tag rief ich den Fliegerführer Kreta an, was mit den Furiersachen (Bettlaken, Wolldecken, Handtücher, Waschschüsseln und dergl.) geschehen solle. Ergebnis: Ich solle sie an die Bevölkerung verteilen. Dies geschah dann nach Bekanntgabe an die Dorfbewohner von Kastelli im Schulhof des Gymnasiums; die Verteiling nahm ich persönlich vor. Die Kommandantur stellte uns zwei Frauen aus Kastelli zur Verfügung, die alle Räume des Gymnasiums reinigten. Dann übergab ich dem Rektor und Professor Michael Ergasakis die Schlüssel des Gymnasiums.

Ein Mädchen aus Kastmonitsa mit dem Namen Olgaki Polemarchaki suchte mich auf und sagte: "Der Krieg ist für Deutschland verloren, hier ist Zivilkleidung, komm in die Berge in unser Dorf." Ich machte ihr klar, daß dies nicht in Frage komme, daß ich genau wie sie Patriot sei und daß ich mein Kommando nicht im Stich lassen würde. Kopfschüttelnd ging sie wieder zurück. (Wenn ich ihrem Vorschlag gefolgt wäre, wäre vermutlich meine Familie in Deutschland erschossen worden.) Zuletzt traf ich Sofie Zitaki, sie war in den zweieinhalb Jahren auf Kretza wie meine Mutter zu mir. Noch anwesend waren ihre Tochter Olga und viele gute Bekannte in Kastelli, von denen ich Abschied nahm.

Inzwischen hatte ich auch einen Fahrer mit LKW aufgetrieben, der das Einsatzkommando zum Flugplatz Iraklion brachte. In einer Ju 52 wurde dann das Einsatzkommando mit der Fracht eines 'Würzburger Gerätes' zunächst nach Eleusis geflogen, anschließend ging es nach Tatoi zur Staffel. Hier meldete ich dem Staffelkapitän der 2./F(123 Oblt. Schuwirth: "Einsatzkommando Kastelli, Stärke 13 Mann vollzählig zur Stelle."[3]


Biographisches

Robert Lebold wurde am 5.Dezember 1914 als Sohn eines Landwirts und Gutsverwalters in Wiesbaden geboren. Obwohl Klassenbester in der Volksschule war es ihm aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich eine höhere Schule zu besuchen. Er absolvierte eine Lehre als Chromo-Lithograph. Nach dem Arbeitsdienst 1934 wurde er im Herbst 1935 als Wehrpflichtiger zur Infanterie (7./I.R.87) eingezogen. Im Oktober 1936 kam er zur Luftwaffe zur Fernaufklärer-Staffel 2.(F)123. Er absolvierte mehrere Sonderausbildungen auf Bildschulen, wurde im Februar 1941 Gruppenleiter der Luftbild-Auswertung und am 1.7.1943 Oberfeldwebel.

1940 war er in Frankreich eingesetzt, ab dem 5. Mai 1942 bis 17.September 1944 auf Kreta. Er war nach dem Rückzug der deutschen Besatzer in die Region Chania Kommandant des Flughafens Kastelli, wurde von dort aus nach Athen ausgeflogen und von Oktober bis Dezember 1944 in Jugoslawien gegen die Partisanen eingesetzt. Am 3.Mai 1945 kam er in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er am 8.August 1945 entlassen wurde.

Er arbeitete nach der Entlassung zunächst einige Monate in der Landwirtschaft seines Vaters bei Amorbach und wurde dann vom Hessischen Landesvermessungsamt in Wiesbaden eingestellt, wo er bis zu seiner Pensionierung Anfang 1978 als Karto-Lithograph in der Kartographie und Topographie beschäftigt war.

Robert Lebold heiratete im Sommer 1951 Gerda Huck und wurde 1953 Vater einer Tochter. Seit 1994 ist er Witwer und lebt in einem Seniorenstift in Mainz. Seine besonderen Interessen sind der Natur- und Vogelschutz.

Nach Kreta fuhr er ab Mitte der 70-er Jahre insgesamt zwölf mal. Er traf bei diesen Gelegenheiten nicht nur persönliche Bekannte von früher sondern auch einige andere Widerstandskämpfer wie z.B. Manolis Paterakis und Chnarakis.

Veröffentlichungen

  • Luftbilder, Karten und Manuskripte für „50 Jahre Flughafen Kastelli 1941 -1991“ von George Orfanakis
  • Photos und Texte für „… Roberto Lebold“ herausgegeben von G. Kalogerakis im Auftrag der Gemeinde Kastelli
  • Wiesbadener Tagblatt vom 06.11.2007 - Artikel von Helga Boschitz: Ein Friedensbaum im Feindesland - Robert Lebold schließt mitten im Krieg Freundschaft mit einer kretischen Dorfgemeinschaft. -> Zum Artikel im Wiesbadener Tageblatt

Quellen

  1. Persönliches Schreiben von Robert Lebold an G. Kalogerakis vom 17.1.2003 „Beantwortung der 21 Fragen“, die Kalogerakis für eine Veröffentlichung an Lebold geschickt hatte.
  2. Schriftliche Erinnerung von R.Lebold vom 9.9.2008
  3. Schriftliche Erinnerung von R.Lebold vom 9.9.2008, mündliche Ergänzung vom 25.9.2008 in Klammern.