Weixlers Zeugenaussage

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Abschrift.
Weixler, Franz Peter
Krailling b.München, 11.11.45[1]
Pentenriederstr.39a

Aus Anlass der Nürnberger Prozesse gegen Göring und Genossen möchte ich Ihnen nachfolgende Mitteilungen mit der ausdrücklichen Ermächtigung machen, sie gegebenenfalls im Interesse derer zu gebrauchen, die keinesfalls mit den Methoden der Nazi-Militaristen einverstanden waren.

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Wie Ihnen bekannt ist, befand ich mich zum zweitenmale als Gestapo-Gefangener vom 16.1.44 bis April 1945 im Münchener Gefängnis Neudeck mit der Anklage wegen Hochverrat bezw. fortgesetzter Wehrkraftzersetzung. Der Volksgerichtshof Berlin gab das Verfahren im Juni 1944 an das Oberlandesgericht München ab, wo es unter dem Aktenzeichen Id O Js 166/44 beim Hochverratsdezernat lief. Die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof und Oberlandesgericht verzögerte sich solange, weil meine Akten sowohl in Berlin als auch im Münchener Justizpalast und bei der Nürnberger Gestapo verbrannten. Nach Auskunft des Oberstaatsanwalts Dr. Schmucker-München war ich ein hundertprozentiger Todeskandidat, da schon ein einziger Passus der mir zur Last gelegten Äusserungen usw. zur Höchststrafe genügt hätte.

Eines meiner "Verbrechen" bestand darin, dass ich in der Eisenbahn und vor grösseren Kreisen die Wahrheit über das Fallschirmunternehmen der deutschen Luftwaffe von Kreta im Mai 1941 erzählte, das ich als Leutnant d.R. und Kriegsberichter (Foto) mitmachen mußte. Zur Erhärtung meiner Erzählungen zeigte ich eine ganze Anzahl von Aufnahmen, die ich auf Kreta gemacht hatte, her, die u.a. deutsche Fallschirmjäger-Massengräber, hunderte von zerstörten deutschen Flugzeugen auf Kreta, und Scenen von einer Massenhinrichtung der männlichen Bevölkerung des kretischen Dorfes Kondomari b. Malemes zeigten. Alle Aufnahmen waren unzensiert und ich war mir natürlich darüber im Klaren, dass ich bei dieser Propaganda gegen die Lügen und Greuel der Göringschen Luftwaffe mit meinem Leben spielte, hielt es aber für meine Gewissenspflicht, die Wahrheit unters Volk zu bringen. Ich kann Dutzende von Zeugen aus den Jahren 1941 - zu meiner Verhaftung beibringen, dass ich mit diesen Bildern bei jeder Gelegenheit zum Widerstand gegen die Nazi-Soldateska aufgefordert habe. Wiederholt wären mir diese Bilder fast zum Verhängnis geworden, da eine Anzahl von meinen Zuhörern mich verhaften lassen wollte, was schließlich dann ja auch 1943 geschah.

Ich benenne Herrn Hans von Heiniger, der auf einem Rittergut bei Singen am Hohentwiel (Bodensee) wohnt, dessen genaue Anschrift ich beibringen kann dafür, dass ich nach dem Krieg in der Schweiz oder Amerika unter Benützung dieser Fotos ein Buch "Kreta, wie es wirklich war …" herausbringen wollte, das der Welt die Augen über eines der leichtfertigsten Unternehmen der deutschen Heerführung, das tausende von deutschen Soldaten das Leben kostete, geöffnet hätte. Ich überreiche Ihnen anliegend auch einen "Befehl" der deutschen Wehrmacht, den ich mir verbotenerweise angeeignet und bis zum Kriegsschluss durchgerettet habe, der vom Divisionsstab der Fallschirmjägerdivision, die von General Student befehligt wurde, nach Kreta etwa 2 - 3 Tage nach den Fallschirmlandungen gebracht wurde[2], noch bevor überhaupt die kämpfende Truppe mit der Zivilbevölkerung in Berührung gekommen war, sodass also der zweite Absatz des Befehls glatte Lüge ist. Mir ist dies damals sofort aufgefallen und ich habe mir zur späteren Verwertung dieses Exemplar gesichert.

Nun zu den Fotos der Zivilistenerschiessung:

lch befand mich meiner Erinnerung nach am 1. oder 2.Juni 1941 (es war ein Pfingstfeiertag) in meinem Quartier in der kretischen Hauptstadt Chania, als nach dem Essen der junge Adjutant des II. Batl. 1 Fallschirmjägerregts. zu mir sagte, dass ich "heute nachmittag etwas Interessantes erleben könnte". Ich wurde neugierig und fragte, worauf er mir antwortete, dass eine Strafexpedition gegen mehrer Dörfer bei Malemes stattfinden werde, da man massakrierte Fallschirmjägerleichen und geplünderte Tote gefunden hätte. Man habe vor wenigen Tagen deswegen dem Oberkomando der Luftwaffe in Berlin Nachricht gegeben und es sei ein Fernschreiben von Göring eingetroffen, wonach schärfste Massnahmen, nämlich Erschiessung der männlichen Bevölkerung zwischen 18-50 Jahren zu erfolgen hätten.

Ich sagte sofort zu dem jungen Leutnant und zu Hauptmann Gericke, dass ich noch keinen einzigen massakrierten Fallschirmjäger unter den Hunderten und Aberhunderten von Gefallenen gesehen hätte, dagegen Dutzende von toten Kameraden, denen infolge der tropischen Hitze und schnellen Verwesung Augen, Nasen und sogar die Ohren fehIten. Ich lief schnell zum Ortskommandant Major Stenzler, der mir sagte, dass eine Kommission vom Auswärtigen Amt gestern aus Berlin geflogen kam, die Untersuchungen wegen angeblicher Massakrierungen deutscher Soldaten anstelle. Er habe sich nur an den Befehl des Oberbefehlshabers der Luftwaffe zu halten, von dem er durch den Stabsoffizier der Division, Major Graf Uxküll Kenntnis erhalten habe. Ich erzählte Stentzler, dass ich mit eigenen Augen durchs Fernglas gesehen hatte, dass gegen Abend in den ersten Kampftagen große Aasgeier auf Leichen unserer Kameraden, die noch in der Feindlinie in ihren Fallschirmen auf Olivenbäumen gehangen waren, herumhackten, eine Wahrnehmung, die auch andere Soldaten gemacht hatten. Ich erinnerte den Major, der Ortskommandant von Chania war, daran, dass wir zusammen während der Kämpfe zahllose tote halbverweste Kameraden gesehen hätten, aber keinen einzigen ermordeten oder massakrierten und daß ich es für glatten Mord ansehe, falls der Befehl Görings ausgeführt würde.

Die Gerüchte von „Massakrierungen" und Verstümmelungen, sagte ich, stammen restlos von jungen und jüngsten Soldaten, deren überhitzte Fantasie im Zusammenhang mit den seelischen Überanstrengungen der letzten Kampftage diese wilden unrichtigen Gerüchte verursacht habe. Ich beschwor Major Stentzler, der ja Kampfgruppenkommandeur des Abschnittes Malemes war, den Befehl zur Strafexpedition auf jeden Fall nicht ausführen zu lassen, worauf er mich als Subalternenoffizier zurechtwies und mir verbot, mich in diese Dinge einzumischen, da ich den Fallschirmjägern lediglich für das Unternehmen Kreta als Fotograf zugeteilt sei.

Trebes links im Bild

Darauf rannte ich zum Stabsquartier des II Batl., wo eben Oberleutnant Horst Trebes an eine angetretene Abteilung von etwa 30 Mann eine Ansprache des ungefähren Inhalts hielt, dass die "Aktion allerschnellstens als Vergeltung für unsere ermordeten Kameraden durchzuführen sei und alles ausschliesslich auf sein Kommando zu achten habe." Ich habe von dieser Ansprache eine Aufnahme gemacht, trotzdem ich dazu, wie mir genau bewusst war, weder hierzu noch zu den anderen späteren Fotos keine Erlaubnis hatte.

Das Strafexpeditionskommando bestand aus Oberlt. Trebes, einem mir dem Namen nach unbekannten Inspektor im Oberleutnantsrang, einem Dolmetscher, 2 Unteroffz. und etwa 25 Fallschirmjägern des II. Batl./l.Sturmregts. - Ich stellte mich Oblt. Trebes vor und bat ihn, den mir bekanntgewordenen Befehl nicht auszuführen, da auf Kreta doch die Blutrache herrsche, worauf er mich vor allen Leuten anbrüllte, „er habe von seiner Kompanie über hundert Mann durch diese Schweine verloren und er habe sich freiwillig zur Durchführung der Strafexpedition gemeldet, er verbitte sich jegliche Einmischung!“ Ich durfte dann die Fahrt auf einem englischen LKW mitmachen, ohne zunächst zu wissen, wohin es ging.

Kurz vor Malemes bog der Wagen links ein, es ging durch einen dunklen, ziemlich langen Olivenhain, mehrmals wurde Halt gemacht und Leichen von Fallschirmjägern betrachtet. Eine Leiche war nackt und völlig mit Maden bedeckt, (Bild 1[3] ) Trebes brüllte: „Wieder ein ausgeplünderter Kamerad!“ und stacheIte die Mannschaften gegen die Zivilisten auf. Etwas weiter lag ein gefallener Fallschirmjäger in seinen Fallschirm gewickelt, dessen Nase fehlte (Bild 2) Trebes schrie wieder, dies seien die Bewohner der nahen Ortschaft gewesen. lch sagte ihm, dass man doch deutlich die Verwesung an Nase, Mund und Augen erkenne.

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Dann kam die Ortschaft, deren Namen ich erst später nach Erkundigung erfuhr: Kondomari.


Die beiden Lastwagen hielten, ObIt. Trebes brüllte Befehle und dann liefen die Fallschirmjäger im Laufschritt in die wenigen Häuser der kleinen Gemeinde. Nach kurzer Zeit war vor dem kleinen Platz die ganze Gemeinde, Männer, Frauen und Kinder zusammengetrieben, selbst einen schwerverwundeten alten Mann mit Kopfverband brachten die Soldaten an.






Ein deutscher Soldat brachte einen Waffenrock eines Fallschirmjägerleutnants mit einem Einschussloch im Rücken (Bild 6) worauf Trebes (auf den Bildern an seinem Spitzbart erkenntlich) sofort den Befehl gab, das betr. Haus abzubrennen, was auch geschah.




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Dann wurde ein Dorfbewohner (Bild 7 und 8) gebracht, der von anderen Einwohnern angeschuldigt wurde, deutsche Soldaten als Heckenschütze erschossen zu haben. Nach Aussage des Dolmetschers (im Khakikanzug neben Oblt. Trebes) gab der Mann zu, im Auftrag der Engländer als Soldat mitgekämpft und einen deutschen Soldaten getötet zu haben. Irgendwelche andere Dorfbewohner konnten keinerlei Mord- oder Plünderungstaten überführt werden und ich mischte mich nun in das Verhör und sagte Trebes, er soll nunmehr den Befehl zur Rückfahrt geben und den einen Kreter mitnehmen. Aber Trebes, dessen Gesicht völlig verzerrt war, befahl, aIle Männer mit Ausnahme der Alten separat zu nehmen und die Weiber und Kinder wegzujagen. Dann befahl er dem Dolmetscher, den Weibern und Alten zu eröffnen, dass wegen Mord und Plünderungen an deutschen Soldaten alle Männer des Dorfes erschossen würden, (Bild 9) und die Leichen innerhalb von 2 Stunden einzugraben seien. Dann trieb man die Leute fort (Bild 11, 12).


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Die Männer zwischen 18 und 50 Jahren standen nun allein auf dem Platz, ahnten aber noch nicht ihr Schicksal. Eine kurze Abwesenheit von Trebes benützte ich, um etwa 9 Männer, die mir am nächsten standen, wegzuschicken, d. h. ich ging mit ihnen durch die Postenkette und liess ihnen durch den Dolmetscher sagen, sie sollten sofort in die Berge fliehen und sich verstecken. In diesem Augenblick kam Trebes angerannt und fragte mich, was das zu bedeuten hätte. Ich antwortete ihm, diese Männer waren unter 18 und über 50 alt. Trebes schrie er verbitte sich endgültig meine Einmischung, ich machte unsere Leute nervös, er gebe mir den dienstlichen Befehl, mich zu entfernen, er mache Meldung über mich. Unter den von mir Geretteten befin[den] sich die rot angekreuzten Leute auf Bild 10.


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Dann wickelte sich alles schnell ab. Trebes liess einen Halbkreis formieren (Bild 15) und gab den Feuerbefehl auf die schreienden Unglücklichen. Nach etwa 15 Sekunden war alles vorbei (Bild 16-19). Einzelne Gnadenschüsse wurden von einem Mann (B.20) und dem Luftwaffen-Inspektor (Bild 21) abgegeben.

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Trebes und die Soldaten waren nach der Exekution fahl, es [sic] hatte in sei[] Erregung kaum bemerkt, dass ich trotz Verbotes die Fotos gemacht hatte. Ich fragte Trebes, ob er sich darüber klar sei, was er eben gemacht habe, worauf er mir antwortete, er habe nur einen Befehl von "Hermann" ausgeführt und seine toten Kameraden gerächt. - Wenige Tage darauf erhielt er für seine "Tapferkeit“ auf Kreta von Göring das Ritterkreuz!


Wem Trebes dann den Vollzug des Mordbefehls meldete, weiß ich nicht, da ich mich infolge eines Nervenschocks sofort in mein Quartier begab. Meinen Film ließ ich in Athen von einem Freund entwickeln und Abzüge machen. Der Film wurde mir dann von meiner Dienststelle abgenommen, ich mußte die Erklärung abgeben, daß ich keinerlei Abzug bezw. Kopien besitze.

Es ist mir aber gelungen, die Abzüge und den eingangs erwähnten Befehl zu verstecken und später für meine aktive Tätigkeit gegen Hitler und sein Regime zu verwerten. Ich persönlich komme mein Leben lang nie mehr von dem entsetzlichen Erleben auf Kreta los und habe mir geschworen, zum gegebenen Zeitpunkt zu reden. Nun, nachdem Hermann Göring von nichts mehr weiss bezw. wissen will, seheint der Termin gegeben zu sein, ihn und seine verantwortlichen Befehlshaber auch an seine Blutschuld an dem kleinen kretischen Dorf Kondomari zu erinnern.


Anmerkungen

  1. Jahreszahl ist im Dokument nicht lesbar, aber hier angegeben
  2. Es handelt sich vermutlich um den Befehl vom 23.5.1941
  3. Die Zahlen der Bilder beziehen sich auf Photos die Weixler für den Prozess vorlegte, nicht auf die hier verlinkten. Welche Bilder gemeint sind, lässt sich aus den Angaben beim Bundesarchiv nicht ermitteln